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Firmengeschichte

  
1913 im Oktober wurde in Chemnitz, Zschopauer Straße, eine kleine Evangelische Buchhandlung von Richard Bach gegründet. Seine Witwe führte seit den harten Kriegsjahren die Buchhandlung allein weiter.

Nach der Neueröffnung am 06.01.2012 erfüllt die "EVABU - Die neue Evangelische Buchhandlung Max Müller" als Chemnitzer Lesewelt unter Inhaber Robert Aßmann aufs Neue zahlreiche Bücherwünsche.
Als Ergänzung zum Buchsortiment werden in der Buchhandlung nun auch Gemeindebedarf, Naturwaren und ein Kartenvorverkauf für Konzerte in Chemnitzer Kirchen angeboten.

In den letzten 30 Jahren wurden etwa 50 Lehrlinge und 15 Mitarbeiter zu Buchhändlern ausgebildet. Seit 2012 nach zwölf Jahren Auszeit wieder!
"Die Evangelische" war ein Buchversand aus einer Hand ins weite Land! und ist immer noch stets Gott befohlen!
Für die hervorragende Zusammenarbeit dankt die EVABU den Kirchgemeinden, der Stadt Chemnitz, der TU-Chemnitz, den Städtischen Theatern, der Volkshochschule, der Stadtbibliothek und unseren treuen Kunden.


Biographie unserer Buchhandlung 1913 - 1948
Eine Mitarbeiterin erzählt aus über 35 Jahren Firmengeschichte


1924   25   27   29   1931   32    34   36   38   39   1941   43   45   46   1948

Am 1. Oktober 1913 eröffnete Richard Bach in Chemnitz eine Evangelische Buchhandlung, im Hause Zschopauer Straße 4. Es war ein hoher aber kleiner einfenstriger Laden. Im ersten Weltkrieg ist Richard Bach gefallen, und seine Frau Magdalena, geb. Martin führte die Arbeit allein weiter.

Am 8. August 1920 übernahm Max Müller das Geschäft durch Heirat. Bald hatte er zwei Angestellte: Fräulein Magda Böhm, die Buchhändlerin war, und s'Bernhärdtle, einen Lehrling. Beim Oster- und Weihnachtsgeschäft halfen Herrn Müllers Schwester, Frau Leuschring, und manchmal auch Frau Müller.

Max Müller begann neben dem Sortiment mit der Verlagsarbeit - der Bericht von der Buchhandlung muß notwendigerweise auch vom Verlag sprechen - und brachte im Oktober 1921 das Heft "Vom tiefsten Erleben", eine Krankentrostschrift von Elisabeth Schaefer, in einer Auflage von 2.400 Exemplaren als sein erstes Verlagswerk heraus .
1922 folgten die "Lichtstrahlen aus einem Krankenleben" und vom ersten Heft die 2. Auflage mit 5.000 Stück.

1924 waren es dann schon 14 Titel! Genannt seien nur der "Sternenpate" von Karl Josef Friedrich, das "Schneeflöckchen-Bilderbuch" und die Scherenschnitt-Transparente sowie -Mappen von Wagner-Poltrock.

Im April erschien die erste Nummer des "Luther-Boten", das monatliche Gemeindeblatt der Chemnitzer Luther-Gemeinde in einer Auflage von 2.900 Exemplaren. Im Juli kamen Andreas, Jakobi, Lukas, im September Johannis, Markus und Pauli dazu.
Von Pfarrer Friedrich sollte die "Sternenfreude" erscheinen. Der Schnelligkeit wegen wollte er das Manuskript in die Maschine diktieren. Dafür suchte Max Müller im Oktober 1924 eine Stenotypistin. Er fragte im Mädchen-Bibel-Kreis - und hier fängt meine Geschichte mit der Evabu (so hieß sie damals zwar noch nicht) an.

In der Nikolaikirche hatte der CVJM eine Volksmission mit Pfarrer Stierle aus Freiburg veranstaltet. Nach einem jener Abende wartete Max Müller unter der linken Laterne vor der Kirche. Damals war ich Stenotypistin in der Pöge-AG und naiv genug, dort zu fragen, ob ich Urlaub bekäme, weil ich ein Manuskript schreiben wolle. Natürlich bekam ich keinen. Es wurde dann so gemacht, dass s`Bernhärdtle nach Grünhain ging und ich abends zum Helfen kam, weil ich 5 Uhr Schluß hatte. Es gab in der tat viel zu tun; und es tauchte die Frage auf, ob ich wohl ganz in die Buchhandlung käme. Max Müller konnte sich nicht entschließen. Der Entschluß war soo schwer. Die Kündigung bei Pöge musste am 1. Dezember erfolgen, damals ein Samstag. Ich fragte am Freitag nach der Kindergottesdienstvorbeitung; nach der Vorbereitung kam ich noch mal wieder und musste Samstag früh noch anrufen. Da sagte er dann zu. Als ich später mal ihn daran erinnerte, wie lange er es sich überlegt habe, sagte er schlagfertig: "und immer noch nicht lange genug!"

Vom 1. Januar 1925 an war ich ganz in der Buchhandlung tätig. Fräulein Böhm ging bald ab und wurde die Frau des Buchhändlers Delor in Freiberg. Es kam Fräulein Hildegard Tretner, die einige Jahre später Frau Oertel wurde.
Am 23. September erfolgte die handelsgerichtliche Eintragung des Verlags. Es erschienen 13 Titel, u.a. jene "Sternenfreude" und die "Lichtstrahlen" in der 2. Auflage.

Zum Gemeindeblatt kam die Michaelis-Gemeinde.
Als Büroraum war das erste Zimmer der Wohnung im 1. Stock eingerichtet. Dort war die Buchführung, die Korrespondenz und auch ein Teil des Lagers. Der Laden war eben doch sehr klein, besonders auch der Raum für die Kunden. In der Adventszeit ging manchmal die Ladentüre nicht zu, wenn "es strömte".

Da kam im September 1926 der Umbau. Die Wand zwischen Laden und Ladenstube wurde herausgenommen. Die Ladenstube bestand dann nur noch aus einem Schreibtisch. Gleichzeitig wurde der Laden vorgerichtet (bei so großer Engigkeit!). Die Wände wurden rot, die Möbel blau gestrichen; und viele Bücher hatten Spuren. Die Bücher, von denen wir meinten, dass sie nicht gebraucht würden, hatten wir in einer Kiste unter das Ladenstubenfenster auf den Hof gestellt, u.a. auch die Kochbücher. Just in jenen Tagen heiratete Pfarrer Haag, und wünschte eine Auswahl an Kochbüchern.

Ebenfalls im Herbst 1926 wurde nach langen Verhandlungen mit den Chemnitzer Kirchgemeinden die Übernahme der Kolportage beschlossen, die im 3. Stock des Hauses Äuß. Johannisstraße 7 von Fräulein Rosa Fritzsche geleitet wurde. Die Kirchgemeinden verpflichteten sich, bei uns zu kaufen und wir übernahmen Fräulein Fritzsche (sie war damals 58 Jahre alt, Herr Müller war 35, ich 23) als Angestellte und der Verpflichtung der Kirche, ihr nach Erreichung der Altersgrenze eine monatliche Rente von 50 Mark zu zahlen. Mit Ende des Jahres 1935 ging sie dann in den verdienten Ruhestand.

Am 27. Dezember 1926 wurde das Sortiment ins Handelsregister eingetragen mit dem Zusatz "Buchstelle für die Chemnitzer Kirchgemeinden".
Im Verlag erschienen 15 Titel, u.a. 5.000 "Sternenpate" und das Heft von Elisabeth Schaefer "Vom Gesundwerden im Kranksein" in der 4. Auflage.

Das Ereignis von 1927 war die erste Registrierkasse, die Krupp am 7. Juli lieferte. 1935 ist sie dann nach Aue gekommen.
Im Verlag erschienen 15 Titel, zum ersten Mal Postkarten (für Schulanfang und Muttertag), sowie das Transparent in kleiner Ausgabe.
Dem Gemeindeblatt schlossen sich im Februar die Petri-, im April die Thomas- und im Oktober die Kreuz-Gemeinde an.
Die Familie Müller ist nach Oberhermsdorf gezogen; das zweite Zimmer wird Büro mit fünf Arbeitsplätzen.

Im Mai 1928 kam das gesamte Lager der Firma Schneider & Klein zu uns und auch deren Angestellter, Rudolf Löser, der Buchhändler war.

Das erste Auto wurde angeschafft. Die Garage war im Hof von Zschopauer Straße 20. Im Erdgeschoß des Hinterhauses hatten wir ein kleines Eckzimmer fürs Antiquariat, später alle Erdgeschoßzimmer, in die der Verlag zog. Wir nannten es Landheim! Weil das Warten an der Vorsaaltüre nach dem Klingeln zu lange dauerte, hatte sich der Weg durch das Fenster eingeführt. Im Winter platzte ein Wasserrohr und verdarb einen großen Teil des Bilderbuchlagers. Im Juli 1929 wurden die Räume wieder aufgegeben.

Am 1. Advent erscheint die "Sonntagsfreude", ein vierseitiges Predigtblatt, im Auftrag der Niedererzgebirgischen Konferenz (NEK).
Im Verlag erschienen 9 Titel, u.a. je 15.000 Bilderbücher "Schneeflöckchen" und "Zwerglein", 5.000 "Sternenpate" und 8.000 "Lesebücher".

Im September 1929 veranstalteten wir zur Jahreshauptversammlung der Kindergottesdiensthelferkreise (ich war seit meiner Konfirmation im Jahre 1918 Helferin im Kindergottesdienst) in Annaberg eine Ausstellung im großen Stil. Wir gaben eine Broschüre heraus, "Der kleine Helfer", die an alle Teilnehmer kostenlos verteilt wurde, und stellten alle darin genannten Titel aus. Es war eine riesige Arbeit, soviel Lager hinaufzuschaffen, aber auch eine Lust! Wir hatten sehr viel Platz, sogar für die großen biblischen AnschauungsBilder. Unvergessen ist das Kaffeetrinken Samstagnachmittag nach getaner Arbeit, mit dem herrlichen Pflaumenkuchen! Von da an waren wir auf dem Gebiet der Literatur für Kindergottesdienste und deren Helferkreise in Sachsen führend.
Im Verlag erschienen 12 Titel, u.a. 12.000 "Bärchen" und die 10.000 "Hasen". Herr Wilfried Bökenkamp nahm unseren Verlag zum ersten mal mit auf die Reise und blieb dann viele Jahre unser Vertreter.

Das Jahr 1930 verlief im Gleichmaß der Tage mit Ausnahme des 8. August, an dem wir das 10-jährige Chef-Jubiläum von Herrn Müller feierten. Die Mitarbeiter schenkten ihm ein Buch besonderer Art, ganz
Original und aufgeschlagen! Die Konditorei Freund hatte es nach unseren Angaben gebacken. Die Widmung war in Schokolade geschrieben und es hatte auch ein Lesezeichen mit einem Siegel, das mit dem Monogramm MM geschmückt war.
Von November an kursierte der "Theologische Lesezirkel" nach einer besonderen Selbstweitergabemethode unter den Pfarrern. Wir hatten nur zu Beginn des Umlaufs alle Mappen auszutragen und am Ende wieder abzuholen. Die Bücher wurden von der Pfarrkonferenz gekauft und jährlich innerhalb dieser antiquarisch versteigert.
Im Verlag erschienen 6 Titel, u.a. 10.000 Adventskalender und das große "Bärenbuch" in l0.000 Exemplaren.
Zum Gemeindeblatt waren wieder einige Gemeinden gekommen, im Oktober als letzte der 16 Chemnitzer Stadtgemeinden die Stiftskirche in Ebersdorf.

Mit dem 1. Juli 1931 übernahmen wir die Ephorale Schriftenmission in Aue. Der Schriftenmissionar, Herr Schwarzer, ging nach kurzer Zeit ab. Er war weder Buchhändler noch Kaufmann (z.B. waren ihm 33 1/3 %
Rabatt lieber als 35, weil das leichter zu rechnen wäre). Aber Frau Frank blieb und hat oft auf sehr einsamem Posten gestanden. Bei meinem Weggang 1963 war sie auch noch da, wie es nun ist, weiß ich gar nicht.

Die Arbeit für die Kindergottesdienste nahm sehr zu. Von den weihnachtlichen Verteilsachen sandten wir an etwa, hundert Gemeinden eine umfangreiche, gut sortierte Mustersendung, was von den Geistlichen sehr begrüßt wurde. Viele behielten sie - für kleine Gemeinden reichten sie aus. Die anderen bestellten danach. In diesem Jahr waren es
89 Bestellungen mit über 600 Kinderkalendern, über 10.000 Heften, über 16.000 Krippen, Transparenten und Ähnlichem, sowie über 6.000 Bilderbogen, Kontrollkarten u.a. im Werte von 4438 Mark, woraus die
sehr niedrigen Heftpreise zu erkennen sind. Dabei ist zu bedenken, daß sich diese Arbeit neben der anderen und der Ladenbedienung auf etwa sechs Wochen vor Weihnachten erstreckte. Daß das im Achtstundentag nicht zu schaffen war, liegt auf der Hand. Oft hatten wir noch Eile, die letzte Straßenbahn 1.30 Uhr an der Ecke Post-/ Kronenstraße zu bekommen, und Herr Müller fuhr mit einem Auto zur Schillerpost.
In irgend einem Tischlied zum geselligen Beisammensein kam dann folgender Text vor: "In den blauen Zeppelin gehen viel Pakete rin., auch des nachts um zweie" (der blaue Zeppelin war das zweite Auto).

Im Verlag sind 4 Titel erschienen, u.a. zum ersten mal "Stundenpläne".
Buchbinder Harnisch von der Hedwigstraße ist gestorben. Das gesamte Rohbogenlager kommt in das Lagerhaus von Heyn's Nachf., Zschopauer Straße 6.
Im September 1931 wurde die Wohnung Beier im 3. Stock frei. Die Familie Müller kommt aus Oberhermersdorf zurück, inzwischen von vier auf sieben Köpfe angewachsen.

Von den Jahren 1932 und 1933 ist im Sortiment nichts besonderes zu berichten. Darum soll einmal Alltägliches erzählt werden. Wir hatten Geschäftszeit von früh 8 bis abends 7 Uhr, auch Samstag.
Die Mittagspause war für die eine Gruppe von 11 bis 1, für die andere von 1 bis 3 Uhr. Später wurde dann ein freier Nachmittag in der Woche nach bestimmtem Plan eingeführt.
Wir waren immer bewußt evangelische Buchhandlung und hatten ein gut sortiertes Lager entsprechend den Satzungen der Vereinigten Evangelischen Buchhändler haben wir uns immer besonders für die Verbreitung der Bibel und des christlichen Schrifttums eingesetzt. Widersprechende Literatur haben wir nicht geführt, so z.B. den Wachtturm-Verlag, den Advent-Verlag, Lorber-Verlag u.a. auch schöngeistigen Schrifttum führten wir nur das Gute.
Nach meiner Erinnerung war es in jenen Jahren, als das gesamte Lager um 10% herabgesetzt verkauft werden mußte. Um die Neueingänge zu unterscheiden, führten wir die Kontrollzahl unter dem Preis ein, die sich sehr bewährt hat, auch später z.B. zum Auffinden der Verlagsrechnung für das betreffende Buch.
Unsere besondere Liebe hatten noch die Abreißkalender, die wir auch nach Kartei in jedem Jahr an einen großen Bezieherkreis lieferten, und die Kleinkunst von Dinglingen. An jedem 2. Januar früh um 8 Uhr kam Herr Guthmann, der ständige Vertreter, mit der Osterkollektion und im Sommer mit den Weihnachtsneuerscheinungen, das Auszeichnen allein war manchmal nur in den Abendstunden zu bewältigen.

Im Verlag erschienen zusammen 5 Titel, u.a. "Ludwig Richters Humor". Das Jahr 1934 war das zweite Jahr der Hitlerregierung - wir haben nicht einen "Stürmer" (Blatt der SS) verkauft. Der Kirchenkampf hatte begonnen. Die Deutschen Christen (DC) zerstörten die Gemeinden. In Sachsen hatten wir ein DC-Kirchenregiment. Die Bekennende Kirche (BK) leistete Widerstand. Das Gemeindeblatt bestand im April 10 Jahre zur Freude aller Beteiligten. Vom Stadtsuperintendent erhielten wir einen Anerkennungsbrief. Im Juli erschien eine Verordnung der Landeskirche, mit der Landesbischof Coch alle Schriftleiterrechte aller Gemeinden auf sich vereinigte. Es gab nur noch ein Dresdner Blatt. Herr Müller war der einzige Mann in Sachsen mit einem privaten Verlegerrecht. Er stellte sein Blatt der "Bekennenden Kirche" zur Verfügung. Ab Dezember erscheint es als "Christus-Bote" (wir durften nur die schon vorhandenen Titel der Chemnitzer Gemeinden verwenden für die vielen Gemeinden im Lande) und geht ins Sortiment über.

Im Verlag erschien der Roman "Das Pfarrhaus zu Howe" von Pfarrer Friedrich.
Irgendwann war der erste Autounfall, der noch gut abging und nur 250 Mark Reparaturkosten verursachte.
Herr Müller war vom 1. bis 7. November im Sanatorium Zimmermann. Deshalb fuhr ich am 4. November in die Reichsschrifttumskammer wegen des Gemeindeblattes.

Fürs Sortiment kam 1935 das größte Ereignis: Der Umzug! In der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag nach Totensonntag (27./28.11.) zogen wir nach Zschopauer Straße 1. Bis 19 Uhr verkauften wir im alten Laden; dann räumten die einen aus, die anderen drüben ein, Männer trugen die Körbe, die dritten mußten die vier großen Schaufenster auf einmal dekorieren. Bis gegen 5 Uhr hatten wir´s geschafft. Eine Kundin hatte einen Stollen geschickt, den wir um Mitternacht gemeinsam aßen. Ein anderer Kunde sandte uns ein selbstverfasstes Gedicht mit dem Anfang:
      "Ihr seid umgezogen,
      was hat euch bewogen
      von der 4 zur 1?
      Lärm ist dort derselbe
      Und der flugsandgelbe
      Staub des Erdenseins."

Um 5 haben wir dann noch die Girlande über der Türe aufgemacht, gingen nach hause zum Kaffetrinken und waren um 8 Uhr alle wieder da wie an jedem Morgen.

Von nun an hatten wir monatlich 380 Mark Miete zu zahlen statt bisher 250. Auch alle Nebenkosten würden sich erhöhen. Werden wir das im Umsatz schaffen? Es war ein Wagnis. Rückschauend müssen wir bekennen: Es war eine sehr gnädige Führung. Was dann im Gemeindeblatt auf uns zukam, wäre in den alten Räumen niemals zu bewältigen gewesen.
    "Aus der Enge in die Weite,
    aus der Tiefe in die Höh
    führt der Heiland seine Leute,
    dass die SEINE Wunder sehn."

Wir bekamen auch eine neue Registrierkasse, die in 26 monatlichen Wechseln à 30.30 Mark zu bezahlen war.

Der Kampf ums Gemeindeblatt begann. Einige Chemnitzer Kirchgemeinden, in denen DC-Pfarrer waren, bestellten sie ab; viele Notbundpfarrer aus dem Lande bestellten neu. Die Auflage von bisher 40.000 Exemplaren stieg auf 65.000 und blieb so bis Ende 1937. Von der Reichsschrifttumskammer wurden wir reichlich schikaniert: Es wurde der Eindruck der Ortsnachrichten verboten. Es mussten dafür besondere Zettel gedruckt werden. Diese durften aber nicht eingelegt werden. Das wurde "Umfangerweiterung" genannt! Beim Austragen mussten sie drauf oder drunter liegen. Diese Instruktionen mussten wir immer an alle Bezieher weitergeben. Auch durften diese Zettel kein persönliches Wort des Pfarrers enthalten; wir halfen uns mit Bibelsprüchen und schönen Bildern. Die sogenannten "vertraulichen Mitteilungen" waren wie ein Schwert über uns; sie sollten durchgeführt werden, aber es durfte nicht davon gesprochen werden! So durfte z.B. die Vokabel "Kirchenwahl" nirgends mehr stehen, wir mussten sie überall herausstreichen, weil die Bekennende Kirche großen Widerstand leistete. Die Wahl ist ja dann auch ausgefallen.

Im Verlag erschienen 3 Titel. Aus Friedrichs "Geschichten um Gott" wurde die Geschichte "Geheimrat Klasing" (aus antisemitischen Gründen beanstandet). Die fertigen Exemplare wurden "sichergestellt". In der noch nicht gebundenen Ausgabe musste der betreffende Bogen einschließlich Inhaltsverzeichnis ausgewechselt werden, und Pfarrer Friedrich musste eine neue Geschichte schreiben.

Am 3. November 1936 erfolgte eine Lagerdurchsuchung durch zwei Leute von der Gestapo; sie beschlagnahmten123 Bücher und Hefte, u.a. das "Augsburgische Bekenntnis". Auf unsere Reklamation hin wurde am 1. Dezember alles wiedergebracht bis auf zwei Hefte von Frör "Geist und Gestalt der DC".
Auch der "Christus-Bote" wurde hin und wieder in Landgemeinden beschlagnahmt.
Im Verlag erschienen 3 Titel.

1937 wurden beschlagnahmt: Am 20. Mai in Rabenstein 70 Kern "Kirchenkampf, wie lange noch?", am 16. November bei uns 70 Dibelius "3 Randbemerkungen zu Rosenbergs Mythos", am 27. November bei uns 78 Handtmann "Wir pilgern nach Wittenberg".
Im Verlag erschienen 2 Titel, darunter das reizende Bilderbuch "Frau Gluckes Entenkinder".

Im April wurde den Gemeinden außerhalb von Chemnitz endlich der Eindruck der Kirchennachrichten gestattet. Im September erschien im Dresdner Blatt ein unmöglicher Artikel von Coch. Viele Gemeinden bestellten es ab und kamen zu uns. Da erhob die Druckerei Baensch Einspruch (es bestand wohl ein Vertrag mit dem Landeskirchenamt über den Druck des Dresdner Blattes). Es kam zu Verhandlungen: Im September 6 mal, am 23. Oktober in Berlin; im November 2 mal Berlin , 2 mal Dresden und 1 mal Leipzig. Nach diesen Dutzend Reisen kam es dann zu einem Vertrag. Baensch durfte den 8-seitigen Innenteil für alle Gemeinden auf Rotation drucken. Die Auflage war 350.000 Exemplare; die äußeren 4 Seiten verteilten sich auf 22 Bezirksdrucker mit 25 großen Maschinen und 47 Hilfsdrucker zum Eindruck der letzten Seite. Wir hatten über 500 Gemeinden mit über 600 Ortsvertretern und etwa 8000 Helferinnen. Das war eine herrliche Sache, freilich auch ein ungeheures Arbeitspensum. Die Nachtarbeit war zur Regel geworden. Die Organisation klappte gut und lief wie ein Uhrwerk.
Am 3. Juli wurde das alte Auto für 90 Mark verkauft.
Vom 19.6. bis 2.7. war Herr Müller zur ersten Kur in Berggiesshübel.

Das Jahr 1938 brachte dem Sortiment das 25-jährige Geschäftsjubiläum, das am 1. Oktober sehr schön gefeiert wurde. Das Aufräumen am Abend vorher bestand darin, dass jeder alles, was auf seinem Schreibtisch lag, in einen Karton versenkte, der in der Packstube abgestellt wurde. Im Nu war Ordnung! Die mittleren Schreibtische wurden kaltes Buffett, die Packstube zur Küche mit Radio. Früh hatten wir als Erstes eine Andacht von Herrn Müller in seinem Zimmer, wobei ihm als Geschenk der Belegschaft ein Album überreicht wurde, das alle seine Mitarbeiter im Bilde enthielt und am Schluß ein Verzeichnis aller bisherigen Mitarbeiter. Wir bekamen alle (außer dem üblichen 13. Gehalt zu Weihnachten) noch ein 14.; und ich hatte Prokura erhalten, die am 29. September, Frau Müllers Geburtstag, im Handelsregister eingetragen worden war.
Trotz der gebotenen Kürze muß hier aber auch einmal ein Wort davon gesagt werden, dass wirklich jeder Einzelne der Belegschaft mitgearbeitet hat. Ohne diese fruchtbare Zusammenarbeit wäre das große Werk nicht geschafft worden. Am Gelingen und am Aufstieg sind wir alle beteiligt gewesen.
Aus unserem großen Kundenkreis erhielten wir Blumen und viele Glückwünsche. Am Abend hatten wir ein geselliges Beisammensein.

Im Juli hatten wir zwei Wochen einen Büchertisch in Niederrödern für den Berneuchner Dienst, besonders auch mit der Kirchenkunst von Rudolf Koch und den sehr schönen Verlagswerken des Bärenreiter-Verlages.
Am 3. Dezember wurden alle Schriften von Karl Barth im Laden beschlagnahmt, am 28.12. 9 Nachbar-Buchkalender abgeholt! Im Verlag erschienen 4 Titel, u.a. 3.000 Exemplare des "Lutherischen Gebetbuches"

Fürs Gemeindeblatt läuft am 1. Januar der Vertrag mit Baensch, auf drei Jahre befristet, aus.
Im August hatte die Reichsschrifttumskammer wegen einer Anzeige, die wegen eines Gemeindeblattartikels erfolgt war, ein Berufsgerichtsverfahren angekündigt - deshalb noch eine Fahrt nach Berlin.
Im Juni war Herr Müller zur Kur in Bad Gastein.

1939: Am 17.1. hat die Gestapo 301 FührerBilder aus dem Nachbarbuchkalender "sichergestellt". Der Woike-Kalender und der Kalender "Brot für den Tag" wurden beschlagnahmt. Für den Kalendervertrieb werden ganz neue Ausweise verlangt.
Die Schriftenbrett-Mission nimmt an Umfang sehr zu.
Im Verlag erschienen 6 Titel, u.a. die Festschriften zur Einführung der Reformation in Chemnitz-Stadt und -Land anlässlich der 400-Jahrfeier zur Einführung der Reformation in Sachsen.

In den Ortsseiten des Gemeindeblattes wurden vielfach Auszüge aus den Chroniken und Kirchenbüchern von damals gebracht. Diese waren freilich sehr anders als die landläufige Meinung von der "Einführung der Reformation".
Herr Müller war vom 15.2. bis 15.4. zur Kur bei Zimmermann, im Sommer in Warmbad.

1940 läuft alle Arbeit gleichmäßig und in gutem Gleise - das Ladengeschäft, der Sortimentsverband, die Verlagsauslieferung, der Versand von Gemeindeblatt und Sonntagsfreude - alles greift gut ineinander. Auch die Buch- und Kontoführung ist auf dem laufenden. "Ecke ab" war doch sehr praktisch Ist diese Methode heute noch? Und ist es auch noch die amerikanische Buchführung?
Im Verlag erschienen 4 Titel, u.a. 9.000 "Butzimann". Am 31. Dezember läuft der Vertrag mit Baensch ab; es bleibt aber alles beim alten. Herr Müller ist vom 7.11. bis 20.11. zur Kur bei Zimmermann.

Das Ereignis des Jahres 1941 war der 50. Geburtstag von Herrn Müller am 18. April. Wir hatten eine Festschrift des Gemeindeblattes "Daß das Wort des Herrn laufe..." erscheinen lassen. Ein besonders gut gebundenes Exemplar überreichte einer der mitredigierenden Pfarrer, Gottwald Winkler von der Kreuzgemeinde, der später gefallen ist. Die Auflage wurde an die Pfarrer unserer Gemeinden verschenkt und außerdem noch ein Nachdruck in einfacher Form für die Helferinnen angefertigt.

Im Januar war allen Pfarrämtern der Vertrieb des Gemeindeblattes verboten worden. Es musste alles auf private Verteiler umgestellt werden. Wir mussten bis zum 28. Februar eine neue Kartei erstellen! Und dann kam im Mai mit einem gedruckten Brief das VERBOT des Gemeindeblattes und aller kirchlichen Presse!! Die Juni-Nummer war die letzte.
Auch die Sonntagsfreude wurde verboten - im Februar dann alle Schriftenmissionen.
Im Verlag erschienen 3 Titel. Herr Müller war vom 12.8. bis 27.8. und vom 24.10. bis 20.11. bei Zimmermann.

1942: Wir mussten das Auto abgeben (DKW-Meisterklasse).
Im Dezember kam ein Preisprüfungskommissar wegen der Leihbücherei in Aue.

Im Verlag wird vom Bilderbuch "Butzimann" das Bild mit dem Zigeunerwagen beanstandet. Es musste ein neues Bild mit neuem Text geschaffen werden und nochmals in Offset gedruckt! Und trotzdem erhielten wir keine weitere Papierzuteilung. Nach vielen Fahrten in die Wirtschaftsstelle erhielten wir am Heiligen Abend die Ablehnung.
Herr Müller war vom 3.1. bis 31.1. und vom 19.10. bis 14.12. bei Zimmermann. Die notwendigen Tage waren 18.10., 27.10. und 17.11. - die Familie wurde ins Krankenhaus gerufen.

1943: Im Sortiment wird das Zuteilungsverfahren eingeführt, d.h. wir können nicht mehr bestellen, sondern müssen nehmen, was die Verlage "zuteilen". Die Leihbücherei wird erweitert, damit die christlichen Bücher, wenn schon nicht mehr zu haben, wenigstens noch zu lesen sind.

Im Februar hören wir von der Schließungsaktion gegen die Verlage. Im August können wir durch einen befreundeten Verlag eine Auflage Bilderbücher in Auftrag geben, doch wurde sie nicht mehr fertig.
Herr Müller war im Februar wieder zur Kur in Teplitz - Schönau. Frau Müller war mit und kam krank zurück. Am Palmsonntag - Hansis Konfirmation - saß sie im Sessel, legte sich danach, war einige Wochen im Krankenhaus, kam zurück und starb am 2. August nach sehr schwerem Leiden. Sie möge ruhen im Frieden - und das ewige Licht leuchte ihr.

1944: Die Knappheit im Sortiment wird immer größer. Wir helfen uns viel mit unseren Verlagswerken. Im Februar haben wir mit zwei Schlitten Rohbogen vom Heyns-Lager zur Buchbinderei Bauer gefahren, damit wir für's Konfirmationsgeschäft den 3. Teil des 'Lesebuches' hatten. Es war eine schwierige Fuhre! Im Sommer haben wir dann die restliche Auflage auch noch hingefahren, immer wir selber. Es gab wegen des Krieges keine andere Möglichkeit. Auch andere Restbestände kamen uns zu Hilfe, dass wir immer etwas zum verkaufen hatten, so z.B. bei der sehr großen Knappheit von Briefpapier noch ein größeres Lager von 5-Stück-Mappen im 'Billettformat'! Bei all dem wenigen, was zugeteilt wurde, hatten wir doch immer auch anzubieten und erlebten das "Wunder von Sarepta" auf unsere Weise. Fürs Weihnachtsgeschäft hatten wir den Rest Adventskalender; die Leute standen Schlange und paar Mal mussten wir den Laden wegen Überfüllung schließen. Die Bilderbücher des befreundeten Verlages kamen aber trotz Zusagen nicht. Wir vertrösteten unsere Kunden - auch vergeblich. Als eine Kundin wieder mal enttäuscht gehen mußte, sagte sie zu einer andern: "Wenn sie nur nicht so lügen däden" ( !? ) Wir haben aber nicht gelogen. Übrigens, die Geschäftslüge gab es bei uns nie, weder im mündlichen noch im schriftlichen Verkehr.
Am 30.9. wurde der Verlag geschlossen - nach über 20 Jahren! Es geschah im Rahmen einer Aktion, der auch andere Verlage zum Opfer fielen. Es soll ein kurzes Resümee gegeben werden: Insgesamt, einschließlich der Neuauflagen, erschienen 120 Titel. Die kleineren Bilderbücher erschienen in 8 Titeln mit 121.000 Exemplaren, die Nachdrucke mit zusammen 189.000 Stück, ergibt eine Gesamtauflage von etwa 310.000 Exemplaren. Von den anderen Verlagswerken seien nur genannt: die großen Bilderbücher mit zusammen ca. 24.600 Exemplaren, der "Sternenpate" in 28.000 und die Schaefer-Hefte in 13.400 Exemplaren.

Die Alarme nahmen zu; wir mußten das Lager verteilen. Bestände, die uns unentbehrlich erschienen, wurden 'verlagert'. Es war eine große Arbeit, die Inhaltsverzeichnisse in doppelten Exemplaren schreiben und jeweils in zehn Postgutpakete packen. Bei Freunden im Gebirge waren sie gut aufgehoben und haben dann den schweren Wiederanfang erleichtert. Aber die Lager an wohl vier oder fünf Stellen in Chemnitz sind sämtlich mit ausgebrannt und alle unsere Bücher mit - und das Geschäft blieb verschont. Das hatte aber keiner geahnt.

1945 war das schwerste aller Jahre. Täglich kamen Alarme. Immer trugen wir alle Schreibmaschinen in den Keller, in zwei großen Körben, die von zweien getragen werden mußten, die Buchführung für Verlag und Sortiment. Was haben wir da geschleppt!
Am 11. Januar fuhr Herr Müller nach Wachau, kam aber vorzeitig am 6. Februar wegen der zunehmenden Gefahr zurück. Noch am Abend dieses Tages war der erste größere Angriff auf Chemnitz, bei dem auch Bernsdorferstraße 66, wo meine Mutter und ich wohnten, mit getroffen war durch Luftmine. Am 13. Februar (Fastnacht) stand Dresden in Flammen. Am 14. Februar mittags Angriff auf Chemnitz, ging gnädig vorüber. Nachts war wieder Angriff, Eltwerk und Eberlein brannten und in der Jakobikirche waren alle Fenster kaputt. Am 15. Februar - ein Donnerstag (damals waren an jedem Donnerstag Vormittag alle Läden geschlossen) - hat die ganze Belegschaft in der Jakobikirche Glas geschippt.
In den folgenden Tagen wurden die Angriffe immer stärker; am 1. März brachte ich meine gute Mutter ins Gebirge; es war ein Donnerstag und Herr Müller fuhr uns früh 1/2 5 Uhr die Koffer mit dem Fahrrad zum Bahnhof. Am Samstag, 3. März war ich wieder unten,, auch noch einmal in der Bernsdorferstraße, wo die Koffer und Pakete zum Abholen standen - und am 5. März restlos verbrannten.

Der 5. März ist der traurigste Tag, an dem durch den Großangriff die ganze Stadt in Flammen stand. Wer es nicht mit erlebt hat, kann es sich nicht vorstellen. Dieser Bericht wäre ein Buch für sich. Auch Herrn Müllers Wohnung brannte völlig aus. Im Laden waren schon vorher die Fensterscheiben zerschlagen und die Schaufenster zugenagelt. Eine geordnete Arbeit war nicht mehr möglich. Nur das Nötigste konnte getan werden. Die Hauptsorge war der Lebensunterhalt. Herr Müller hatte es erreicht, daß Schubert für uns das Mittagessen mit besorgte. Das war eine große Hilfe. Ab und zu konnte er auch Mehl auftreiben, das zu einer Frühstückssuppe für alle verwendet wurde. Was es auf die Marken gab, war ja nicht viel. Am 8. Mai war dann der Krieg zuende.

   "Wie ER mich durchbringt, weiß ich nicht,
    doch dieses weiß ich wohl,
    daß ER, wie's sein Wort verspricht,
    mich durchbringt - wundervoll."


Am 8. August feierten wir sehr schlicht, aber von Herzen froh das 25-jährige Chef-Jubiläum von Herrn Müller - ohne Geschenk - mit Kartoffelsalat, damals ein Ereignis.
Ich hatte ihm für diesen Tag einen Bericht über die vergangenen Jahre in Form einer Statistik geschrieben; und der Durchschlag davon ist jetzt meine Unterlage! Alle Zahlen habe ich von dort und sind verbindlich. Nur die Histörchen sind aus dem (Sieb-)Gedächtnis.

Nach wochenlangem, täglichen Reinemachen haben wir dann mit viel Mühe und Geduld ganz von unten wieder angefangen. Einige Bücherpakete kamen zurück, womit wir gute Kunden bedienen konnten. Darüber hinaus bemühten wir uns in Ermangelung von Büchern um die Herstellung von Sprüchen in Holzrahmen ohne Glas. Die Pfarrämter gingen auf unser Angebot für Konfirmation und Trauungen ein. Auch Spruchkarten ließen wir schreiben. Und jene, denen wir die Arbeit geben konnten, waren sehr froh darüber. Eine andere Aktion war das Neueinbinden von Gesangbüchern. Die Decken bezogen wir fertig. Durch die Kriegsjahre war da viel fällig. Dem Büchermangel begegneten wir mit Büchertausch. Wir kauften antiquarische Bücher, auch ganze Bibliotheken. Manche konnten auch ein mitgebrachtes Buch in ein anderes umtauschen. Es war alles ohne Vorbild und einmalig aus der Not der Zeit heraus erdacht. So schafften wir den nötigen Umsatz, um alle Verpflichtungen erfüllen zu können.
Die ersten Monate von 1946 waren auch noch sehr mit Sorgen beladen. Der schwerste Tag war der 10. Juni, der 2. Pfingstfeiertag. Die Losung für jenen Tag war Neh. 8, 10 "Bekümmert euch nicht; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke". Das haben wir dann in den folgenden Monaten auch erfahren.

Im April hatte Herr Müller Thrombose und war auch an seinem Geburtstag krank. Ende Juni verabschiedete er sich und war zur Kur in Bad Lausick. Gleichzeitig liefen die Verhandlungen mit dem Landeskirchenamt wegen Übernahme des "Sonntag", weshalb ich einige Male in Dresden war. Vom 9. September an war Herr Müller wieder ganz im Geschäft.
Vom 1. Oktober an haben wir dann die Auslieferung des "Sonntag" übernommen.
Am 16. September begann Herr Müller jr. mit seiner Tätigkeit im Geschäft.
Am 3. mai 1947 habe ich gekündigt. Meine Nachfolgerfrage war schwer zu lösen, zudem auch mein Neuanfang noch nicht entschieden war. Deshalb blieb ich noch, auch wegen des Weihnachtsgeschäftes.

Mein Abgang war auf den 31. März 1948 festgesetzt worden. Auf diesen Tag heiratete Herr Müller jr. Danach verreiste Herr Müller sen. Ich ging dann am 31. Mai in Urlaub, habe im Juni die Geldabwertung buchhalterisch bearbeitet und schied nach fast 24-jähriger Tätigkeit aus der Evabu - mit Tränen - aus.
Nach 15 Jahren muss ich zurückschauend bekennen: "Wunderanfang, herrlich Ende, wo die wunderweisen Hände Gottes führen ein und aus."
Und für die Zukunft kann ich auch heute nur dasselbe wie früher beten - mit Ihnen und für Sie:

    "Lass unser Werk geraten wohl
    was ein Jeder ausrichten soll.
    Dass unsre Arbeit, Müh und Fleiß
    Gereich zu DEINEM Lob, Ehr und Preis."


Weiterführend:

Außergewöhnlich und für die DDR einmalig war der Bücherprospekt
"DAS BUCH GEHÖRT DAZU", den die Buchhandlung jährlich am Jahresende nach der Leipziger Herbstmesse an ca. 20.000 Bücherfreunde in der ganzen Republik versandte.
Dem ehemaligen Buchverlag wurde keine Lizenz wieder erteilt.
Durch intensive Bemühungen erhielt 1948 der weiterhin angegliederte Verlag Max Müller wenigstens ein staatliches Papierkontingent für Kunst- und Spruchkarten, Kunstblätter und anderen Gemeindebedarf.
Im Verlauf von vier Jahrzehnten wurden mehr als 4.000 Motive entwickelt.

Ab 1956 wurde der Aufbau eines wissenschaftlich-bibliophilen Antiquariats forciert. Bis 1993 erschienen 243 Antiquariats-Kataloge.

1967 wurde im Zuge des Neuaufbaus des Stadtzentrums von Karl-Marx-Stadt die Buchhandlung von der Juri-Gagarin-Straße (ehemals und jetzt wieder Zschopauer Straße) in die Reitbahnstraße verlagert.
In den Jahren des SED-Regimes war die Buchhandlung ein Hort christlicher und humanistischer Substanz und verweigerte sich den stalinistischen Propagandabefehlen. So blieben ihr Bedrohung und Schikane, wie Geschäftsdurchsuchung und -schließung, jahrelange Zwangsverpachtung und die Verhaftung des Inhabers nicht erspart.

1974 wurde daher aus politischen Sicherheitsgründen die OHG durch Aufnahme des Evang.-Luth. Kirchgemeindeverbandes in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt.
Seitdem leitete der Sohn Gottfried Müller das Unternehmen.

Nach der Wende erfolgte, aufgrund des sich rasant vergrößernden Buchangebotes 1994 eine Sortimentserweiterung u.a. mit CD's klassischer Musik in einem zweiten Ladengeschäft auf der Reitbahnstraße 19 - 21, jetzt dort unter einem Dach mit Christlichem Sortiment und Antiquariat.

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